Horizontal leben. Vertikal vertrauen.
Das neue Jahr hat begonnen – und wirkt doch erschreckend vertraut. Die Tragödie von Crans-Montana hat Spuren hinterlassen, mitten in unserem Land. Sie hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie fragil Leben ist. Gleichzeitig erleben wir eine beängstigende amerikanische Machtpolitik, die der Welt in Venezuela zeigt, wie offen wirtschaftliche Interessen, Rohstoffe und Gewalt zusammenspielen. Das verunsichert. Und es nährt Angst. Die Weltordnung, die zwar nie wirklich in Ordnung war, aber einigermassen funktioniert hat, gerät ins Rutschen. Sicheres wird brüchig. Gewissheiten verlieren an Halt. Und viele fragen sich: Was trägt mich noch? Woran kann ich mich orientieren? Unser Alltag spielt sich auf der horizontalen Ebene ab: Hier leben wir zusammen. Hier funktionieren wir. Hier gelten Regeln, Gesetze und Abmachungen. Hier tragen wir Verantwortung füreinander. Doch genau diese Horizontale hat an Festigkeit verloren. Der Boden hat seine Tragfähigkeit verloren. Die vertraute Gesellschaft gibt keine Sicherheiten mehr. Als Christinnen und Christen kennen wir eine zweite Dimension: die Vertikale. Sie ist keine Flucht aus der Welt Keine religiöse Vertröstung. Sie ist eine Ausrichtung. Was wir vor einigen Wochen an Weihnachten gefeiert haben, war keine sentimentale Erinnerung. Es war die Zusage: Gott bricht ein in diese Welt – mitten in Unsicherheit, Angst und Chaos.
Die Vertikale erinnert uns daran: Das Unmittelbare ist nicht alles. Diese Welt hat nicht das letzte Wort. Wenn Horizontale und Vertikale aufeinandertreffen, entsteht ein Kreuz. Ein schlichtes Zeichen. Zwei Linien. Mehr nicht. Und doch steht dieses Kreuz für eine radikale Hoffnung. Was ein Zeichen des Todes war, wurde zum Zeichen des Lebens.
Nicht, weil Leid verschwindet. Sondern weil es nicht das letzte Wort behält. Wer sich an der Vertikalen orientiert, weiss: Macht ist nie absolut. Gewalt ist nie endgültig. Und diese Welt ist nicht alles. Wir leben auf der Horizontalen. Wir stehen mitten im Alltag, mitten in Verantwortung, mitten in Unsicherheit. Aber wir leben nicht haltlos. Unser Anker liegt tiefer. Und höher.